Ich bin kein großer Gedichte-Leser. Auch die Gedichtbände von Rainer Maria Rilke habe ich mir nie bewusst vorgenommen. Nach der Lektüre dieses Buches ändert sich das vielleicht. Denn hier entfaltet sich in Form eines kurzen Briefwechsels (abgedruckt sind aber nur die Briefe Rilkes) die faszinierende Denkwelt des 1875 in Prag geborenen Lyrikers. Adressat ist der junge, literarisch interessierte, Offiziersanwärter Franz Xaver Kappus. Die Antworten zu denen Kappus Briefe Rilke gedrängt haben, haben mich tief berührt und zeigen einmal mehr, dass wenn es um den Umgang mit den Höhen und Tiefen des Lebens geht auch, beziehungsweise gerade, in den Gedanken längst vergangener Generationen ein großer Reichtum steckt.

Ein Thema auf welches Rilke immer wieder zu sprechen kommt ist das Aushalten von Einsamkeit und Traurigkeit. Nicht im Sinne von Selbstmitleid oder Selbstgeißlung. Aber doch im Sinne einer Akzeptanz, mehr noch eines geduldigen, mutigen Annehmens. „Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“ Dabei bezieht sich Rilke sowohl auf das Persönliche, als auch auf das ,was wir vielleicht als „Weltschmerz“ bezeichnen. Rilke ist der Ansicht, dass es das eigentlich gar nicht gibt, sondern die Schrecken der Welt unsere Schrecken, und die Abgründe der Welt unsere Abgründe sind. Sehr stark finde ich auch seine Gedanken zum Thema „Schicksal“, als eine Bewegung welche nichts Fremdes ist was uns widerfährt, uns geschieht, sondern etwas ist, was zu einem bestimmten Zeitpunkt aus den Menschen heraustritt.

Er spricht in einem Brief auch über die Liebe zwischen Menschen. In Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter hat Rilke ein beeindruckendes Gespür für das was kommt wenn er schreibt „[…] eines Tages wird das Mädchen da sein und die Frau, deren Name nicht mehr nur einen Gegensatz zum Männlichen bedeuten wird, sondern etwas für sich, etwas, wobei man keine Ergänzung und Grenze denkt, nur an Leben und Dasein –: der weibliche Mensch. Dieser Fortschritt wird das Liebe-Erleben, das jetzt voll Irrung ist (sehr gegen den Willen der überholten Männer zunächst), verwandeln, von Grund aus verändern, zu einer Beziehung umbilden, die von Mensch zu Mensch gemeint ist, nicht mehr von Mann zu Weib.“

Aber auch in diesem Buch gibt es bestimmte Passagen, die sich für mich eher wie ein Gedicht lesen. Wo die Substanz also manchmal nicht im intellektuellen Sinn des Satzes sondern in der Schönheit der Sprache und des Bildes steckt. Ein solcher Satz ist zum Beispiel „›Der Gedanke, Schöpfer zu sein, zu zeugen, zu bilden‹, ist nichts ohne seine fortwährende, große Bestätigung und Verwirklichung in der Welt, nichts ohne die tausendfältige Zustimmung aus Dingen und Tieren, – und sein Genuß ist nur deshalb so unbeschreiblich schön und reich, weil er voll ererbter Erinnerungen ist aus Zeugen und Gebären von Millionen.“

Interesse geweckt? Buch nicht bei Amazon sondern zum Beispiel hier bestellen:

Monatlicher Newsletter mit Buchempfehlungen: