“Heisenberg” – so nennt sich auch der Protagonist in der Serie Breaking Bad, wenn er seinen Aktivitäten im Drogengeschäft nachgeht. Das Pseudonym ist eine Huldigung an Werner Heisenberg, von dem dieses von ihm selbst verfasste Buch handelt, welches 1969 erschien. Der Nobelpreisträger von 1932 reflektiert hier sein Leben und Wirken. Aufgrund seiner Leidenschaft für Atomphysik und Quantenmechanik gibt es Kapitel, die durch die Einstreuung von mathematischen und physikalischen Einzelheiten für die Geduld eines Otto-Normal-Lesers wie mich durchaus eine Herausforderung sind. Aber es hat sich gelohnt dran zu bleiben, denn man erhält einen faszinierenden Einblick in den Kopf eines der brillantesten deutschen Wissenschaftler in der Zeitperiode 1919 bis 1965.

Entlohnt für die Abschnitte in denen man vor physikalisch-theoretischen Einzelheiten nichts versteht, haben mich vor allem die unglaublich tiefsinnigen, spannenden Beobachtungen über das Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Religion. Zum Beispiel wenn Heisenberg mit Einstein in dessen Berliner Wohnung über das Verhältnis von Theorie und Beobachtungen diskutiert. Oder wenn es darum geht, was eigentlich “objektiv” ist. “Insofern enthält in der heutigen Naturwissenschaft jeder physikalische Sachverhalt objektive und subjektive Züge. Die objektive Welt der Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts war, wie wir jetzt wissen, ein idealer Grenzbegriff, aber nicht die Wirklichkeit.” Außerdem lernt man aus der Lektüre dieses Buch wie das Max-Planck-Institut entstanden ist und wie Wissenschaftler wie Heisenberg, die in der Grundlagenforschung der Atomphysik sehr aktiv waren, gleichzeitig sehr mit der Frage gerungen haben, inwieweit sie für die militärische Verwendung des Wissens mit-verantwortlich sind.

Auch hat mich der Weitblick beeindruckt den Heisenberg auf globale Entwicklungen hat, die aus heutiger Perspektive schon wieder teilweise Geschichte sind. So beschreibt er Mitte der 30er Jahr schon den Gedanken, dass die Zukunft vor allem durch Bündnisse und übernationale Gebilde geprägt sein wird, die durch gemeinsame Interessen, durch verwandte soziale Strukturen, gemeinsame Weltanschauungen oder durch wirtschaftlichen und politischen Druck zustande kommen. So wie in den Jahrhunderten zuvor die Stadt als Einheit an Bedeutung verloren habe, wird es der Nationalstaat in der Neuzeit tun. Immer wieder blitzt dabei auch der zeitgeschichtliche Kontext des nationalsozialistischen Deutschlands auf. Heisenberg verbringt die meiste Zeit dieser Ära auch im Land. Mit großem Respekt nimmt man zur Kenntnis wie bewusst er diese Entscheidung trifft. Ein niedergeschriebenes Gespräch zwischen ihm und einem jungen, der nationalsozialistischen Sache äußert positiv gegenüberstehendem, Studenten im Jahre Hitlers Machtergreifung 1933 erlaubt einen tiefen Einblick in die Gefühlslage der Generation zu dieser Zeit.Student: »Sie finden also, Deutschland sollte ruhig weiterhin die von allen verachtete und verlachte Nation bleiben, die sich alles gefallen lassen muss, die am letzten Krieg allein schuld ist, weil man ihr eben diese Schuld angedichtet hat, und im Grunde nur, weil sie eben den letzten Krieg verloren hat – das finden Sie alles erträglich?«Heisenberg: “[…] Ich glaube daher, daß man eine politische Bewegung nie nach den Zielen beurteilen darf, die sie laut verkündet und vielleicht auch wirklich anstrebt, sondern nur nach den Mitteln, die sie zu ihrer Verwirklichung einsetzt.”

Nix für gemütliche Abendstunden unter der Woche aber für einen wachen Geist am Wochenende sehr empfehlenswerte Lektüre – ist auch nicht so dick 😉

Monatlicher Newsletter mit Buchempfehlungen: